Klimatische Unstimmigkeiten
Der Hochsommer ist für heuer zu Ende und die Extremtemperaturen haben wohl – im wahrsten Sinne des Wortes – niemanden kalt gelassen. Über 41 Grad im östlichen Flachland waren einsamer Rekord und wenn der Wolfgangsee mal – wie ich selbst vergleichen konnte – die gleiche Temperatur hat wie die südliche Ägäis, dann sind Dinge in Bewegung. Was sich allerdings in Österreich so gut wie nicht bewegt, ist die Vorstellung, dass Klimaanlagen eine Art Teufelswerk seien. Abgesehen von der abstrusen Regelung, dass Hauseigentümer auch bei über 30 Grad Raumtemperatur den Einbau einer Split-Klimaanlage ablehnen können, scheitert es regelmäßig an der Rechtsprechung, bei der man sich im Kreis dreht: Oft werden Split-Geräte mit einem sichtbaren Außenteil nämlich mit dem Hinweis untersagt, sie seien „nicht ortsüblich“. Diese können aber auch nie ortsüblich werden, wenn sie mit dem Hinweis darauf untersagt werden – eine Art österreichisches Catch-22-Dilemma. (Und weil gerne mit der verschandelten Optik durch die Außenteile von Klimaanlagen argumentiert wird: Die SAT-Schüsseln, die auf jedem zweiten Balkon in Österreich hängen, sind von der Ästhetik her auch nicht unbedingt Skulpturen von Michelangelo.)
Vor kurzem durfte ich binnen weniger Tage zwei kurze Gespräche zu der Thematik führen, einerseits mit einer Wiener Gastronomin, deren Schanigarten sich in den vergangenen Wochen in einen Backofen verwandelt hat und der damit zumindest unter Tags kaum mehr benutzbar war, die aber auch – siehe oben – mit den Tücken des Systems um die Genehmigung einer Klimaanlage kämpft. Aktuell hat sie sich mit einem Standgerät geholfen, das zumindest einen der Innenräume ein paar Grad abgekühlt hat. Energieeffizienz sieht anders aus, von den Bedingungen, unter denen die Mitarbeiter in den ungekühlten Bereichen bei über 30 Grad arbeiten mussten, ganz zu schweigen. (Spannend auch, dass das Arbeitsinspektorat, das sonst bei jeder Lappalie Ausbeutung und Gefahr im Verzug wittert, bei dem Thema erstaunlich ruhig ist.) Wie sich das Geschäft, das außerhalb der Touristenhotspots im Juli und August in Wien traditionell schwierig ist, an diesen Hitzetagen entwickelt hat, kann man sich ausmalen.
Zweiter Gesprächspartner zu dem Thema war Gastroobmann Alois Rainer, der erzählt hat, sein gesamtes Haus im Zillertal sei inzwischen klimatisiert: Gästezimmer, Restaurantbereich und auch die Seminarräume, denn „wennst mittags auf der Terrasse stehst, kocht dir das Hirn und die Leute sind froh, wenn sie wieder in den gekühlten Innenbereich zurückgehen können“. Wohlgemerkt, wir sprechen hier nicht von der Betonwüste der Wiener Innenstadt, sondern von einem Tiroler Tal mit massenhaft Natur und Bergen rundherum.
Jetzt sind 40 Grad natürlich für Österreich eine Ausnahmesituation, mit der wir bisher noch nie umgehen mussten. In Südeuropa, im Süden der USA, in den arabischen und nordafrikanischen Ländern oder auch in manchen Regionen Japans oder Australiens sind solche Werte allerdings völlig normal im Hochsommer und trotzdem geht das Leben dort seinen Gang. Das Zauberwort heißt Klimaanlage und man darf wetten, dass weltweit mehr Klimaanlagen als Heizungen in Betrieb sind. Außer in Österreich (und Deutschland), wo der Kampf um künstliche Kühlung plötzlich ideologisch aufgeladen wird. Tatsache ist aber, dass im Hochsommer selbst auf der grünen Heide bald kein Gästezimmer mehr ohne Klimaanlage vermietbar sein wird (schon gar nicht an einen internationalen Gast, für den dieses Feature ähnlich selbstverständlich ist wie eine Dusche oder ein WC) und dass auch in der Gastronomie in den Sommermonaten eine Klimatisierung zum entscheidenden Faktor wird. Denn kein Mensch genießt gerne bei über 30 Grad Raumtemperatur ein mehrgängiges Menü und trinkt dazu ein paar Gläser Wein. Mal abgesehen davon, dass ein klimatisierter Arbeitsplatz künftig wohl auch ein Asset bei der Personalrekrutierung sein kann.
In diesem Sinne, liebe Standesvertreter von WK oder ÖHV: Euer Druck auf die Politik, Klimaanlagen in Gastronomie und Hotellerie zur gleichen Selbstverständlichkeit wie Heizungen zu machen, ist dringend gefragt! Und selbst die AK könnte im Namen des Arbeitnehmerschutzes diesbezüglich in die Gänge kommen.