Die Einzelfälle werden mehr
Die Diskussionen rund um systematische Steuerhinterziehung, falsch deklarierte Herkunftsangaben und überhöhte Preise in der Gastronomie sind noch gar nicht richtig abgeebbt, da schlägt schon die nächste Bombe ein. Die Probleme gab es wohl nicht erst seit gestern, aber dieser Tage erst kamen sie an die Öffentlichkeit: Ehemalige Lehrlinge eines Tiroler Luxushotels haben sich an die Arbeiterkammer gewandt und von sexistischen, übergriffigen, und rassistischen Vorgängen in dem Betrieb erzählt. Weibliche Lehrlinge seien als „Fotzen“ bezeichnet oder gefragt worden, wie sich „die Konsistenz ihrer Brüste“ anfühle, das Lied „L'amour toujours“ sei mit dem berüchtigten „Ausländer raus“-Refrain gesungen worden (in einem Unternehmen in dem Daumen mal Pi zwei Drittel der Gäste und die Hälfte der Mitarbeiter aus dem Ausland kommen, ein besonderes Glanzstück) und sogar körperliche Attacken seien vorgekommen, um hier nur einige der Vorwürfe wiederzugeben. Dazu passt ein Interview, dass Multigastronomin Hayo Molcho vor rund einem Monat der Tageszeitung „Der Standard“ gegeben hat, in dem sie erklärt hat, sie kenne viele Köche, die „immer noch mit Tellern werfen“. Wenn man dann am nächsten Tag wieder liest, dass die Branche „händeringend“ nach Lehrlingen und Mitarbeitern sucht, könnte man schon ins Grübeln kommen…
Das Problem sind dabei nicht nur die wenigen rabenschwarzen Schafe, die natürlich nur eine winzige Minderheit sind und die es wohl in der einen oder anderen Form in jeder Branche gibt. Das Problem ist zusätzlich, dass es diese Schlagzeilen sind, die es in die Medien schaffen und die daher auf das Image einer ganzen Branche abfärben. Wenn sich heute ein Teenager für eine Ausbildung in der Gastronomie interessiert, hört er nicht von den Betrieben, die ihre Mitarbeiter völlig korrekt bis freundschaftlich behandeln, motivieren, weiterbilden und weit über dem KV bezahlen. Sie lesen nicht von Mitarbeiterquartieren, die jederzeit als 4-Sterne-Apartments durchgehen könnten, inkl. Hobbyraum und Pool. Und sie lesen nicht von einer Branche mit spannenden und vielfältigen Aufgaben, die trotz aller Automatisation und KI-Fortschritte wohl auch in Jahrzehnten noch eine Art Arbeitsplatzgarantie abgeben kann. (Ok, für Rezeptionisten oder Mitarbeiter in der Reservierungsabteilung sieht es vielleicht nicht so rosig aus, aber ohne Köche, Kellner, Sommeliers oder auch Zimmermädchen ist ein Gastronomie- oder Hotelbetrieb in absehbarer Zukunft kaum vorstellbar.) Nein, sie lesen von cholerischen und sexistischen Vorgesetzten, von nicht ausbezahlten Überstunden, von Steuer- und Gästebetrug. Hand aufs Herz: Man kann es niemandem verdenken, der – so er nicht selbst Einblick in die Branche hat und daher weiß, dass in den allermeisten Betrieben zum Glück alles korrekt abläuft – seinem Sohn, oder speziell seiner Tochter aktuell nicht zu einer Lehre im Gastgewerbe rät.
Vielleicht sollte die Wirtschaftskammer als Standesvertretung hier mal tätig werden und eine Imagekampagne über die positiven Seiten eines Jobs in Gastronomie oder Hotellerie starten, mit Testimonials auf Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite. Sonst könnte das Personalproblem in der Branche bald noch größer werden, als es ohnehin schon ist, wenn sich der Nachwuchs angesichts solcher Schlagzeilen beruflich lieber umorientiert. Endlos lässt sich das Saisonnierkontingent nämlich auch nicht aufstocken, zumal in der Gastronomie die meisten Betriebe ja ohnehin auf Ganzjahreskräfte angewiesen sind.