Direkt zum Inhalt

Darfs ein bisschen mehr sein?

„Wonns laft, donn laft's“, ist ein Spruch, der dem leider viel zu früh tödlich verunglückten Skistar Rudi Nierlich zugeschrieben wird. Ähnliches könnte man auch für den Tourismus in Österreich behaupten, wo ein Rekord den nächsten jagt. Ein Kommentar von Clemens Kriegelstein

Im heimischen Tourismus knallen derzeit die Champagnerkorken:  Auf eine extrem erfolgreiche Wintersaison 2024/25 folgte ein Rekordsommer 2025 und ein weiterer Rekordwinter 2025/26. Dies obwohl sowohl Gastronomie als auch Hotellerie ihre Preise in jüngster Vergangenheit immer wieder erhöht haben und obwohl in den großen Skigebieten letzten Winter 80 Euro für eine Tagesliftkarte quasi der Standardpreis war – und vor allem Letzteres im Vorfeld medial natürlich wieder für großen Wirbel gesorgt hat. Alles paletti also, her mit der nächsten Flasche Champagner?

Leider nicht ganz. Es stimmt schon: Österreich ist zwar kein billiges Urlaubsland (War es nie, schon Bruno Kreisky hat auf die Frage, warum er seinen Sommerurlaub lieber auf Mallorca statt in Österreich verbringt, geantwortet, dass ihm Kärnten zu teuer sei…) aber dafür im wahrsten Sinne des Wortes „preis-wert“, da das Preis-Leistungs-Verhältnis (noch) gut passt. Die Gäste bekommen für ihr Geld einen sehr hohen Standard, sei es im Lokal, im Hotel oder auf der Skipiste. Und ganz offensichtlich gibt es genügend Gäste, die die geforderten Preise für das Gebotene bezahlen können und auch wollen. (Was allerdings nichts daran ändert, dass sich das auch leicht wieder ändern kann, wen man es übertreibt – frag nach in Kroatien.)

Doch die strukturellen Probleme bleiben weiter bestehen und lassen sich auf Dauer auch nicht mit ein paar weiteren Preisanpassungen im Angebot wegzaubern: Die Kosten für Einkauf und Energie steigen nach wie vor, die Branche leidet noch immer unter zu wenigen Fachkräften (deren Gehälter ebenfalls wieder steigen werden, sobald sich Wirtschaftskammer und Gewerkschaft endlich auf einen neuen Kollektivvertrag geeinigt haben) und von der viel beschworenen Entbürokratisierung ist auch noch nicht viel zu sehen. Lediglich die Lohnnebenkosten sollen künftig um einen Prozentpunkt sinken – aber auch erst ab 2028. Hinzu kommt eine spürbare Konsumzurückhaltung: Nachspeisen werden weggelassen, ein zweites Glas Wein seltener bestellt, und Zusatzleistungen wie Massagen weniger häufig gebucht. Dass volle betten für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg leider nicht mehr ausreichen, hat jetzt auch eine aktuelle Studie von Deloitte und ÖHV bestätigt. Selbstläufer ist Erfolg im Tourismus also keiner. Vor allem wird gerne der riesige Einsatz übersehen, der dafür nötig ist. Wer heute in der Gastronomie oder Hotellerie erfolgreich unterwegs ist, kennt 40-Stunden-Wochen nur vom Hörensagen.

Dennoch darf ein gewisser Optimismus für den gerade in die Gänge kommenden Sommer versprüht werden. „Österreich ist auch im Sommer stark nachgefragt. Wandern, Radfahren, Seen, Kulinarik, Kultur und Naturerlebnisse sind keine Nischen mehr, sondern zentrale Zukunftsfelder unseres Tourismus. Gerade darin liegt die Chance, Wertschöpfung breiter über das Jahr und stärker in die Regionen zu bringen“, lautet die Kernaussage der jüngst präsentierten Sommerpotenzialanalyse der Österreich Werbung. Dazu sorgen hohe Sprit- und Flugpreise sowie eine unsichere Sicherheitslage im Nahen Osten dafür, dass Leute tendenziell lieber in der Nähe urlauben. Das wird zwar auch Italien und Kroatien freuen, wird aber vermutlich auch Österreich zugutekommen.

In diesem Sinne darf sich Österreichs Tourismus zumindest vorsichtig selbst auf die Schultern klopfen, denn allzu viel falsch macht man offensichtlich auch trotz schwieriger Rahmenbedingungen nicht. Für einen nächsten Rekordsommer ist also prinzipiell alles angerichtet. Daumen drücken!

geschrieben am

01.06.2026